AYŞE X Staatstheater
SPIELPLAN

Dieser Entwurf resultierte aus ersten Hausversammlungen des AYŞE X Staatstheaters. Er führt thematische Schwerpunkte an. Die Gestaltung von Form und Ästhetik sowie ob und wenn ja, welcher Text für das jeweilige Thema und in welcher Sprache gewählt wird, steht den Künstler*innen, die sich mit den unten aufgeführten Themen beschäftigen wollen, frei. Sobald sich die künstlerische Konzeption in den einzelnen Kollaborationsteams konkretisiert, wird eine genaue Beschreibung der Produktion durch das AYŞE X Staatstheater veröffentlicht.

SPIELZEIT I – Die Zukunft im Blick

In Spielzeit I steht das Staatstheater der Zukunft an der Brüstung der Gegenwart und schaut skeptisch, optimistisch, mahnend, empowernd, irritierend, liebevoll: in eine ungewisse, aber perspektivreiche Zukunft. Wie kann Kommunikation in der Zukunft aussehen? Und wer spricht überhaupt? Und wie vollzieht sich eine Bewegung? Was ist eigentlich eine Bewegung? Und was ein Körper? 

Verschiedene Vorstellungen von Zukunft sollen Raum bekommen, sich zu veräußern und auch ein Bewusstsein über den aktuellen Stand der Dinge erzeugen: Wo steht wer und welche positiven, wie negativen Konsequenzen könnte das mit sich ziehen?

Zugleich blickt das AYŞE X Staatstheater, in welchem es maßgeblich um Mitsprache gehen soll, kritisch auf Sprache – jenes Machtinstrument, das Zugänge augenblicklich zu verschließen vermag. Braucht es die Sprache noch? Wie wäre es mit einer Zukunft in Sprachlosigkeit?
In Kooperation soll es den Künstler*innen des house of writing, des house of curating und des house of conceptualizing ermöglicht werden, Texte nach Form und Ästhetik, jenseits einer Sprachlichkeit, zu befragen und künstlerische Arbeiten zu entwickeln, die mit Sprache nicht exkludierend operieren.  

Die Zukunft im Blick – und aus ihr heraus gedacht – möchte das AYŞE X Staatstheater die Chronologie durcheinander bringen, um gegenwärtige Sehgewohnheiten zu sprengen und den Weg zu öffnen: für den mitbestimmten pluralen Fortschritt der Kunst!

SPIELZEIT I – EIGENPRODUKTIONEN

  • Nur ihr wisst, ob wir es geschafft haben werden!

Irgendwann in einer unvorstellbar fernen Zukunft: Menschen von morgen, die sich durch den Untergang an den Anfang einer neuen Zeit gerettet haben, treiben über Generationen hinweg auf dem Meer aus Plastikmüll vergangener Epochen vor sich hin. Wo über die Jahrtausende Ruinen, Mosaike und Statuen hinterlassen wurden, erinnern nur mehr Berge aus Plastik an unser glorreiches Jahrhundert des Fortschritts. Mittendrin: sie, die Übriggebliebenen. Sie wissen: nichts. Und im Schutt von gestern begeben sie sich auf die Suche nach einer Genesis, nach der Anleitung für eine neue bessere Welt.

Ausgehend von einer allgegenwärtig spürbaren Endzeitstimmung fragen Emre Akal und sein Team danach: Was kommt nach der vorstellbaren Zukunft, nach dem Zusammenbruch der liberalen Demokratie und dem alten Europa, wie wir es kannten? In einer formal abstrakten Bilderwelt lassen sie dabei die Zukunft sich an der Vergangenheit reiben, den Menschen von Morgen im Schutt der Erinnerung wühlen, um aus den Trümmern der Vergangenheit, den Entwurf einer Gesellschaft von Morgen zu erschaffen – stets daran denkend: Was hinterlassen wir als Gesellschaft heute, den Menschen der Zukunft und werden sie aus unseren Fehlern gelernt haben? Was bleibt von… uns?

Mit Jasmina Musić, Melek Erenay, Željko Marović, Çağlar Yiğitoğulları, Adi Hrustemović, Erkin Akal, Mara Widmann | Regie und Text: Emre Akal | Künstlerische Kollaborateur*innen der Regie: Paulina Platzer, Valentin Walch | Dramaturgie: Guido Huller | Künstlerische Kollaborateur*in der Dramaturgie: Antigone Akgün | Bühnenbild: Xaver Unterholzner | Kostüm und Maskenbild: Melina Poppe | Visual Artist/ Bühne: Kazim (Künstlerduo: Mehmet und Kazim) | Musik und Sound: Mathis Nitschke | Lichtdesign: Rainer Ludwig | Pressearbeit: Kathrin Schäfer | Künstlerische Produktionsleitung: Rat&Tat Kulturbüro | Vielen Dank für die Unterstützung an Bahar Auer und Ferdinand Leopolder

Eine Produktion des AYŞE X Staatstheaters in den Räumlichkeiten des HochX. Mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München.

  • HOMO HYBRIDUS

Bereits 1985 schrieb Donna Haraway, dass wir uns alle in Hybride aus Mensch und Maschine verwandelt hätten. Denkt man sich diese Annahme in einer Überhöhung, stellen sich Fragen: Wie leben diese Hybride zusammen? Wie bewegen sie sich durch den Raum? Sind Emotionen überhaupt noch generierbar und wie veräußern sie sich? Welche Konflikte lösen sich mit der Verabschiedung des Homo Sapiens und welche kommen dazu? 

In einer ermächtigenden Geste versucht dieser Blick in die Zukunft sich von einem, über Jahre hinweg, etablierten Anthropozentrismus abzuwenden und sich eine futuristische Existenz – die irritieren mag – in ihrem alltäglichen Zusammenleben zu denken.  

  • POSTANTHROPOCENTRIC

In Abkehr von einer konstruierten weißen Körper-Norm, sucht diese choreographische Arbeit nach Neudefinitionen des Begriffes Körper und öffnet in einer Zukunft, in welcher Diskriminierungen überwunden sind, den Zugang zum Tanz und zur Bühne – für alle Menschen und alles, was ein Körper sein mag …

  • (c*2 <1)SPRACH(=$)LOS(xp^2)IGKEIT

Man könne wetten, „daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand” heißt es am Ende von Michel Foucaults Buch Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Verschwindet mit ihm dann eigentlich auch das, an was wir so sehr klammern – die Sprache? Ist die Sprachlosigkeit zu fürchten? Ist sie Stille? Oder vielleicht die schönste Form einer zukünftigen Kommunikation?

 

  • Yung Wilds – SURPRISE!

Zur Spielzeit I des AYŞE X Staatstheaters lädt das house of exploring dazu ein, die Büchse der Pandora zu öffnen, in welcher sich wohl ein zukünftiger Zustand befindet. Mehr wissen wir aber auch nicht. Also: Kommt mit zur großen Überraschungsinszenierung der ersten AYŞE X Spielzeit!

  • FORSCHUNGSARBEIT I: Surrealistic Gestures

Seine Theorie, wie auch seine schauspielerische Praxis entwickelte Antonin Artaud, während er skeptisch auf Wortsprache blickte und an Möglichkeiten, sie etwa durch gestische Mittel zu ersetzen, feilte. Auch war ihm die Entwöhnung vom wirklichkeitsabbildenden Theater hin zu einer Kunstform, die surrealistisch arbeitet und mehr als das bereits Bekannte zu visualisieren vermag, ein besonderes Anliegen. Sein oft diskutiertes, aber selten probiertes „Theater der Grausamkeit“ erinnert dabei an ein fein codiertes Prinzip: Jedes Detail erscheint vorgedacht, nichts bleibt dem Zufall überlassen. 

Wie unmöglich ist die Realisation einer solchen Theaterform? Was bedeutet sie für alle Beteiligten in einem Kunstraum? Schränkt eine fest codierte Form ein oder eröffnet sie Perspektiven auf ein Freisein? Und wie lässt sich das Sprachliche so in Körperlichkeit übersetzen, dass es nicht beliebig oder gar banal wirkt?

  • FORSCHUNGSARBEIT II: Epic Scene

Glaubt man Walter Benjamin, so ist das epische Theater Brechts ein Theater der Zukunft. Wie er in Was ist das epische Theater? <1> schreibt, möchte das epische Theater weg vom bürgerlichen Theaterapparat, „der nicht mehr, wie sie noch glauben, Mittel für die Produzenten ist, sondern Mittel gegen die Produzenten wurde“ und stattdessen eine Kunstform etablieren, die in sokratischer Dialektik die Institution öffnen und für viele Menschen einen Erkenntnisgewinn herbeiführen möchte. 

Das alles mag man kaum glauben, scheint doch das epische Theater, nach dem Einzug Brechts in die kanonische (Schul-)Lektüre längst durchdrungen. Aber … hat man vielleicht etwas übersehen? Sollte man nicht, Benjamin folgend, eine zweite Fragerunde einläuten zu: Was ist das epische Theater?

Die Forschungsarbeiten des AYŞE X Staatstheaters verstehen sich als Arbeiten an und mit einer Ästhetik. Sie möchten nicht ein Narrativ reproduzieren, sondern nach der Essenz einer Theorie suchen und diese, mit oder ohne Text, überprüfen. Ob und wenn ja, welcher Text für eine Forschungsarbeit ausgewählt wird, obliegt den jeweiligen künstlerischen Kollaborateur*innen.

SPIELZEIT I – AKADEMIE DER ENTLERNUNG

Die Akademie der Entlernung versteht sich als Laboratorium, in welchem Menschen mit unterschiedlichen Wissensständen und Erfahrungen in einen diskursiven Prozess treten, um ihre Erkenntnisse zu überprüfen, neu zu denken, sowie von- und miteinander zu lernen.

Die Themen der Akademie werden in der ersten Woche der Spielzeit I von den Partizipierenden ausgewählt. Entsprechend werden im Anschluss auch Expert*innen eingeladen, die mit ihrem Input zu einer intellektuellen Bereicherung beitragen können. 

Die Akademie der Entlernung findet einmal pro Woche für jeweils 3 Abendstunden statt und ist offen für Mitglieder des AYŞE X Staatstheaters wie auch für alle weiteren 

SPIELZEIT I – AKADEMIE DER ENTLERNUNG

Die Akademie der Entlernung versteht sich als Laboratorium, in welchem Menschen mit unterschiedlichen Wissensständen und Erfahrungen in einen diskursiven Prozess treten, um ihre Erkenntnisse zu überprüfen, neu zu denken, sowie von- und miteinander zu lernen.

Die Themen der Akademie werden in der ersten Woche der Spielzeit I von den Partizipierenden ausgewählt. Entsprechend werden im Anschluss auch Expert*innen eingeladen, die mit ihrem Input zu einer intellektuellen Bereicherung beitragen können. 

Die Akademie der Entlernung findet einmal pro Woche für jeweils 3 Abendstunden statt und ist offen für Mitglieder des AYŞE X Staatstheaters wie auch für alle weiteren Interessent*innen.

SPIELZEIT I – WHO ARE AYŞE X?

Wer ist eigentlich das X im AYŞE X? Um das herauszufinden, lädt das AYŞE X-Staatstheater dazu ein, einmal im Monat eine*n AYŞE X Mitarbeiter*in an ihrem Lieblingsort der Stadt zu treffen und gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Die Mitarbeiter*innen stammen aus allen houses  – es lauern folglich Begegnungen mit Menschen, die vielfältige Interessen und Kunstfertigkeiten mitbringen.
Die Teilnehmer*innenzahl ist limitiert. Um Anmeldung wird gebeten.

SPIELZEIT I – THE STAGE IS YOURS

Im dreimonatigen Turnus darf ein ausgelostes Mitglied des house of discursive exchanging und unterstützt von Mitarbeiter*innen weiterer Häuser des AYŞE X Staatstheaters für ein Wochenende das Programm des Theaters kuratieren. Was dann da läuft? Surprise, surprise!

SPIELZEIT I – TALKS & KONFERENZEN

  • De-Whitening-KonferenzWarum der Austausch von Hautfarben nicht Diversität bedeutet. 

Die Konferenz ist interessiert an der Verhandlung von Strukturveränderungen der Theater-Institution, sodass sich langfristig nicht nur die Positionen, sondern die gesamte Systemstruktur diversifizieren.

  • Is Beyoncé a Feminist? 

Talk mit Feminist*innen aus verschiedenen Szenen über die aktuelle Lage der (queer-)feministischen Positionen unserer Gegenwart.

  • Cuddlerisation vs. Cuddler isolationÜber die Dezentralisierung des „Ichs“ oder: wie aus Einzelkämpfer*innen Communities werden.
    Eine Debatte zum Thema „Dezentralität“, die u.a. gängige Theatersysteme und Hierarchien betrachten und reformieren möchte.
     
  • Free-Your-Wheel-Konferenz
    Zustandsbeschreibung und Lösungsansätze für flächendeckende Barrierefreiheit an allen Institutionen.
  • You pay, we play!
    Monatliches Zusammentreffen des AYŞE X Staatstheaters mit Zuschauer*innen, Bürger*innen und generell allen Menschen – weil auch ihnen das Theater gehört. Diskussion mit Vertreter*innen der unterschiedlichen houses über Themen und Bedürfnisse der Zuschauer*innen. Welche Fragen beschäftigen uns als Gesellschaft, was wollen wir besprochen sehen? Alle eingebrachten Gedanken fließen ein in den Konzeptionsprozess des AYŞE X Staatstheaters.
  • Hohe Kunst für die Bildungsschicht vs. Niedrigschwelligkeit für eine diverse Stadtgesellschaft?
    Theater wollen neue Zuschauer*innen erreichen und verfolgen dabei oft die Devise der Niedrigschwelligkeit, im Gedanken, nur mit diesem Mittel die Hürde der Schwelle ins Theater aufheben zu können. Niedrigschwellige Angebote finden in Stadtteilen statt oder in extern errichteten Theaterräumen, die im Umfeld einer diversen Stadtgesellschaft installiert werden. Niedrigschwelligkeit kann aber auch in Inhalt und Form vorgefunden werden. 

Eine Beschäftigung mit einer falsch verstandenen Öffnung der Theater-Institution in die Stadtgesellschaft. Unter anderem mit: Vertreter*innen des türkischen Literaturclubs in München, weiteren Vertreter*innen der Theater und der Stadtgesellschaft, sowie mit Ayşe Çetin.

SPIELPLAN I – TAKEOVERS

Takeovers können Gastspiele und andere Interventionen von Mitgliedern des AYŞE X Staatstheaters sein, wie etwa das Folgende von AYŞE X-Member Jana Zöll:

„School of Shame“

Von innen in ein Loch fallen, im Boden versinken, wiederauferstehen und der Scham mitten ins Gesicht singen. In der School of SHAME! untersuchen fünf diverse Körper die Mechanismen von Scham und Beschämung.
Wofür wir uns schämen? Für unsere Körper, unser Begehren, unsere Fehler, unsere Egos und Erfolge. Doch vor wem schämen wir uns eigentlich? Scham kommt selten allein, Scham braucht Publikum – und sie zu überwinden auch. In einer virtuos skurrilen Musicalperformance zwischen Castingshow und Klassenzimmer blicken die fünf Performer*innen von POLYMORA Inc. ihren Blinden Flecken ins Gesicht, be/schämen sich öffentlich und zerlegen dabei gesellschaftliche Systeme von Scham und Beschämung.

CHOREOGRAPHIE+PERFORMANCE Jana Zöll, Jutta Tille, Aisha Konaté, Miriam Welk, Alexandra Schwartz DRAMATURGIE+MUSIK Stephanie Krah BÜHNENBILD Jul Zureck, Ginger Carta AUDIODESPKRIPTION Matthias Huber FOTO Tom Dachs

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Als intersektionales Kollektiv mit einem Fokus auf Queerness und eine mixed-abled Arbeitsweise, wollen wir unsere künstlerische und politische Arbeit für möglichst diverse Menschen zugänglich machen. POLYMORA Inc. fordert herrschende Vorstellungen von Kunst heraus, indem es mit diversen Körpern Grundlagenforschung betreibt, um eine zugängliche Bewegungssprache mit einer zeitgenössischen Bewegungsästhetik zu verbinden“.

„AÏCHA KONATÉ (*1990): 2016: Abschluss in Kulturwissenschaften (Tübingen), Stimm-/Bewegungsaktivistin// MIRIAM WELK (*1983): 2005: Bachelor der Tanzpädagogik (CODARTS; Rotterdam, NL); 2012: Master of Arts in Choreographie (Palucca Hochschule für Tanz, Dresden)// JANA ZÖLL (*1985): 2004-2008: Schauspielausbildung (adk ulm), Weiterbildung MADE (DIN A 13)// ALEXANDRA SCHWARTZ (*1986): 2012: Philosophiestudium (Würzburg), 2005/2014 Bühnentanz (BDC, NYC/ Vertigo, Jerusalem); Weiterbildung Systemische Therapie//JUTTA TILLE (*1992) Tänzerin beim Tanzlabor Leipzig; jährliche Produktion seit 2013; 2018: Tanzanleiterausbildung (Tanzlabor Leipzig).